Leipziger Bereitschaftspolizisten: „Wir waren ständig unter Dauerfeuer“

Polizeioberrat Mario Luda: „Die Polizei hat in Hamburg nicht provoziert.“ Foto: Dirk Knofe
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Erstveröffentlicht: 
13.07.2017
Drei Beamte berichten über die Ausschreitungen in Hamburg / Für einen endete der Einsatz im Krankenhaus Von Matthias Klöppel

 

Stress, körperliche Belastung, Schlafmangel: Rund 600 sächsische Polizisten waren unter schwierigen Bedingungen beim G-20-Gipfel in Hamburg im Einsatz. Darunter mehrere Beamte der Leipziger Bereitschaftspolizei. Ausschreitungen und Gewaltexzesse setzten ihnen zu. „Uns war klar, dass es mindestens der anstrengendste Einsatz des Jahres wird“, erzählt der Leiter der Beweissicherungs- und Festnahmehundertschaft (BFHu), der aus Sicherheitsgründen seinen Namen nicht nennen möchte. „Dass sich das Ganze aber über drei bis vier Tage hinwegzieht, dass eigentlich jeder Tag schlimmer als der vorangegangene wird – damit hat keiner gerechnet.“

 

Die Leipziger Bereitschaftspolizisten waren am 5. Juli in die Hansestadt gereist und sicherten vom vergangenen ­Donnerstag bis Sonntag das Treffen der 20 wichtigsten Staats- und Regierungschefs der Industrienationen und Schwellenländer mit ab. Der BFHu-Leiter und sein Stellvertreter, der ebenfalls namenlos bleiben möchte, agierten dabei mit ihren auf beweissichere Festnahmen spezialisierten Einheiten an verschiedenen ­neuralgischen Punkten. Zunächst im Bereich der „Welcome-to-Hell“-Demo auf der Reeperbahn und vor dem linksautonomen Kulturzentrum „Rote Flora“. Später unter anderem in den Hafenstraßenvierteln sowie im Schanzenviertel. „Irgendwo war immer etwas. Wir waren ständig unter Dauerfeuer.“

 

Erholung gab es für die Polizisten kaum. Manche hätten bis zu 24 Stunden Dienst geschoben. Alles mit angelegter Körperschutzausrüstung. Die wiege immerhin 20 Kilogramm. Bei Temperaturen von 26 Grad Celsius tagsüber brauche es da eine hohe körperliche Fitness. Auch sei es nicht möglich gewesen, die vorgeschriebenen Ruhepausen einzuhalten. „Am Freitag kamen wir zum Beispiel 11.30 Uhr aus dem Einsatz. Um 17 Uhr sollte es weiter gehen. Doch der Anruf ging schon 16.30 Uhr bei mir ein“, verrät der BFHu-Leiter, der im Zusammenhang mit den Krawallen keine Angst verspürt habe, wohl aber einen sehr hohen Respekt der Situation gegenüber.

 

Ausschreitungen im Dezember 2015 in Leipzig mit Hamburg vergleichbar


Seiner Ansicht nach seien die Übergriffe mit den schweren Krawallen im Dezember 2015 im Leipziger Süden vergleichbar. „Dort waren wir auch im Einsatz.“ Was sich allerdings in Hamburg potenziert habe, sei die lange Dauer der Ausschreitungen.

 

Als oberster Beamter der Leipziger Bereitschaftspolizei an der Elbe ebenfalls vor Ort war Mario Luda. Der Polizeioberrat zeichnete in seinem Einsatzabschnitt rund um die Messehallen sowie die Hafen-City für knapp 500 Mann verantwortlich, einschließlich dreier Hundertschaften aus Sachsen. „Wir sollten das Eindringen von Straftätern in unsere Bereiche verhindern. Waren aber mitunter mit einer schwierigen Versorgungslage konfrontiert. Einmal hatten wir fast zehn Stunden lang nichts zu essen.“ Luda erinnert sich an die Unterstützung und Hilfsbereitschaft großer Teile der Bevölkerung, aber auch an schwarzen Rauch, den er über dem Schanzenviertel erblickte. „Das sah aus wie im Bürgerkrieg.“

 

Behindert wurde die Arbeit der Po­lizisten durch viele Schaulustige, die mit Bier und Handy in der Hand das Geschehen beobachteten, zuweilen sogar bejubelten. Zwischen Randalierern und Unbeteiligten zu unterscheiden, sei so enorm erschwert worden. Ein Vorfall steht dem Leiter der BFHu besonders vor Augen: „Es war nachts um drei. Als sich plötzlich zwei Jugendliche auf die Straße gestellt und sich immer wieder einen Ball zugeworfen haben. Die gesamte Zeit über flogen uns die Steine um die Ohren. Es wirkte wie nach einem Bombenangriff. Und die machten Ballspiele. Da konnte ich nicht anders und habe sie zurechtgewiesen.“

 

Für den Leipziger Beamten endeten die Chaostage mit einem Klinikaufenthalt. Samstagfrüh traf ihn im Schanzenviertel ein Gegenstand am Hinterkopf. Was genau es war, weiß er nicht. „Obwohl ich einen Helm trug, ging ich sofort zu Boden.“ Der Treffer erwies sich als so schwerwiegend, dass er ins Hamburger Bundeswehrkrankenhaus eingeliefert wurde. „Die Ärzte vermuteten ein Schädelhirntrauma. Für mich war der Einsatz damit vorbei.“ Seine Frau, die er von der Klinik aus anrief, reagierte erschrocken, aber nicht geschockt. Viele Kollegen hätten sich nach seiner Gesundheit erkundigt. Selbst solche, mit denen er eigentlich keinen Kontakt mehr hat.

 

Der BFHu-Leiter ist einer von offiziell 22 Verletzten, welche die Leipziger Bereitschaftspolizei bislang verzeichnet. „Im Nachgang kann die Zahl aber noch steigen. Bei einigen Beamten stehen die ärztlichen Untersuchungen noch aus“, teilt Pressesprecherin Silvaine Reiche auf Nachfrage mit. Ein Polizist aus der Pleiße-Stadt sei trotz einer gebrochenen Hand im Einsatz geblieben – „wohlwissend, dass jeder gebraucht wurde“, hebt Polizeioberrat Luda hervor: „Der Zusammenhalt unter den sächsischen Kräften war herausragend.“

 

Die Sicherheit in Leipzig war übrigens zu jederzeit gewährleistet. Die Polizeidirektion Leipzig hatte nur wenige Kräfte nach Hamburg abgegeben, so dass alle Reviere in ihrem normalen Bestand weitergearbeitet haben.

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für die doppelung, bilder wurden noch angefügt