Kein Bock auf rote Fahnen

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In den letzten Wochen gab es in Berlin einige Soliaktionen mit Gülaferit Ünsal, einer kämpfenden Gefangenen, die in der JVA Pankow einsitzt und im Hungerstreik ist. Da sie Kommunistin ist, sind die Demos, zu denen sich kaum mehr als 50 Leute bequemen, immer überfüllt mit roten Fahnen.


Blick zurück, 31. Dezember: Mehr als 500 Menschen sind auf der traditionellen anarchistischen Demo gegen Knäste. Die grundlegende Kritik an Knästen und der Gesellschaft die sie benötigt ist wichtiger denn je, steigt doch die Zahl der Gefangenen seit Jahren immer weiter an. Und das Einsperren nimmt immer absurdere Züge an. Mehrfach schwarzfahren – Knast. (1)  Wiederholte Einbrüche – Knast und anschließende Sicherungsverwahrung. (2) Gleichzeitig werden neue Knäste gebaut und Zwangsarbeit ist nicht nur wegen der allgemeinen Beschissenheit der Knastbedingungen mies, sondern auch noch massiv unterbezahlt nimmt immer weiter zu. (3)

Jede*r, der*die schon mal selber im Knast war oder Freund*innen im Knast hatte, weiß, dass die Knastleitungen und damit der Staat versuchen, Gefangene zu vereinzeln, zu brechen und zu unterwerfen und auch noch ziemlich oft Erfolg damit haben.  Mitgefangene sind oft lange nicht so solidarisch, wie mensch sich das erhoffen würde. (4) Hauen und Stechen bestimmen viel eher den Knastalltag.


Alles nichts neues, was aber verstörend ist, ist, dass zumindest unserer Ansicht nach in Berlin die vielen Anarchist*innen ihre Solidarität genauso nach „Stallgeruch“ ausrichten, wie es die Kommunist*innen und die Rote Hilfe mit ihrem Gelaber von politischen Gefangenen tun. Solidarität wird mit den anarchistischen Gefangenen in Spanien, Chile oder Griechenland geübt, aber die generelle Knastkritik fällt dabei hinten runter, es geht nur um die eigenen Gefährt*innen, ihre politischen Kämpfe und die Repression dagegen. Knäste sind aber nicht nur für Anarchist*innen scheiße und Kämpfe gegen Knastbedingungen werden nicht nur von Anarchist*innen geführt.

Unsere Gefährt*innen in Griechenland scheinen das bereits verstanden zu haben. Mit einem 48-tägigen Hungerstreik gelang es dort dem Netzwerk kämpfender Gefangener,  zusammen mit kommunistischen Gefangenen aus der Türkei und Kurdistan eine Revision einer Reihe repressiver Gesetze durchzusetzen, unter anderem dem Gesetz über die berüchtigten Kategorie-C Hochsicherheitszellen und die Terrorparagraphen Paragraphen 187 und 187A (5)

Hungerstreiks sind praktisch die einzige Waffe, die Gefangenen im Kampf gegen die Schikanen und Repressalien der Knastgesellschaft zur Verfügung stehen und indem sie sich ihre eigenen kleinen Freiheiten erkämpfen,  erkämpfen sie Freiheiten für alle Gefangenen. Das ist der Grund, weshalb Knastleitungen, Bosse und Politiker*innen sich überall mit Zähnen und Klauen dagegen wehren auch nur das kleinste Zugeständnis zu machen.

Die kommunistischen Gefangenen, die jetzt gerade in der BRD im Hungerstreik sind,  prangern Probleme und Schikanen an, von denen alle Gefangenen betroffen sind. Özkan Güzel wehrt sich dagegen in Einheitskleidung gezwungen zu werden, Gülaferit Ünsal dagegen, dass ihr Zeitungen und Pakete vorenthalten werden und dass sie bedroht wird. Nikos Maziotis vom “Revolutionären Kampf” war 2010 im Hungerstreik, weil er mit seiner Partnerin und Gefährtin Panagiota Roupa zusammengelegt werden wollte, die ein Kind erwartete. (6)  Und auch die Gefangenen der Feuerzellen haben mit ihrem erfolgreichen 32-tägigen Hungerstreik, der am 4.4.2015 zu Ende ging, zuallererst die Durchsetzung persönlicher Forderungen erkämpft. (7)  Diese Kämpfe sind in unseren Augen genauso legitim, wie der Kampf gegen die Kategorie-C Zellen an denen sich, nebenbei bemerkt, Gefangene der Feuerzellen ebenso wie Nikos Maziotis beteiligt haben.

Die Kategorie-C Hochsicherheitszellen haben ihr Vorbild übrigens unter anderem in den Typ-F-Gefängnissen in der Türkei,  gegen die, auch dort, kämpfende Gefangene immer wieder mit Hungerstreiks protestieren.  Einer der spektakulärsten war das Todesfasten 1996, bei dem sich 12 Gefangene zu Tode hungerten.  Der Name einer der Teilnehmer*innen dieses Todesfastens könnte auch einigen in der BRD bekannt vorkommen:  Gülaferit Ünsal, zur Zeit einsitzend im Knast in Pankow, veurteilt Paragraph129b, dem deutschen Vorbild der Paragraphen 187 und 187A in Griechenland.

Wieso solidarisieren wir uns also mit Aktionen (8) und feurigen Texten mit dem Kampf unserer Gefährt*innen in Griechenland und sehen hier einer kämpfenden Gefangenen unbeteiligt beim Sterben zu?
Wollen wir nicht Freiheit für alle Gefangenen?
Oder sind Kommunist*innen da ausgenommen?

Für uns heißt Solidarität mit allen Gefangenen auch Solidarität mit kommunistischen Gefangenen, auch wenn wir kein Bock auf rote Fahnen, Parteischeiße im allgemeinen und die DHKP-C im besonderen haben. Wir hoffen, dass das einige Gefährt*innen ähnlich sehen.


Einige Anarchist*innen

(1) http://www.taz.de/!5134051/
(2) http://www.freedom-for-thomas.de/thomas/texte/knast/6E0R53k22o.shtml
(3) http://www.gefangenengewerkschaft.de/
(4) Eine der Gefangenen, die sich auch am Mobbing gegen Gülaferit Ünsal beteiligt hat, hat zum Beispiel während der ersten Demo zum Knast “Ausländer raus!” aus dem Fenster gebrüllt
(5) http://325.nostate.net/?p=15972
(6) http://blog.occupiedlondon.org/2010/07/19/335-anarchist-prisoner-nikos-m...
(7) http://325.nostate.net/?p=15760
(8) http://325.nostate.net/?p=15809

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"...wie es die Kommunist*innen und die Rote Hilfe mit ihrem Gelaber von politischen Gefangenen tun...".

 

Sorry , die Verbindung klingt so als wenn nur Kommunisten in der RH sind.

 

Und generelle Knastkritik gibt es in der RH auch nur nicht bei allen dort Organisierten.

Ich kenne diese Problematik.

 

Da steht "Kommunist*innen UND die Rote Hilfe" und nicht Kommunist*innen aus der Roten Hilfe.

 

Es gibt das Konzept der "Politischen Gefangenen". Wenn mensch Nazis nicht dazu zählt sind das nur ca 20 und 90 Prozent von denen "Ohne" Deutsche Namen und oft auch nicht "deutsch" sprechend, aber eher Kommunistisch. Einige Leute die sie unterstützen sind auch Kommunistisch. Diese Fordern dann "Freiheit für alle politische Gefangene", z.B. das "Netzwerk Freiheit für alle Politischen Gefangenen", die ebenfalls nicht nur Kommunist*Innen sind.

 

Das kommt aus der Zeit der RAF-Gefangenen und ist meiner Meinung nach überholt! Letztlich sind die meisten ja soziale Gefangene oder Klassengefangene. Auch sollte nicht die Verzahnung von Industrie und Knast-Gesellschaft übersehen werden, siehe Gefangenen-gewerkschaft.

 

Letztlich sind es auch (aber nicht nur) sogenannte politische Gefangene die, aufgrund ihres Bewusstseins, Knastkämpfe führen.

 

Knastkampf ist Klassenkampf!

Verstehe den Absatz so:
Kommunist*innen kümmern sich nur um Kommunist+innen.
Anarchist*innen kümmern sich nur um Anarchist*innen.
Rote Hilfe kümmert sich nur um politische Gefangene.

Die Forderung "Knäste zu Baulücken" ist zwar noch weit verbreitet, aber wo bleibt die Solidarität mit denen, die sich gegen das Knastsystem wehren. Dabei sollte es  egal sein ob sie wegen politischen, sozialen oder sonstirgendwelchen Gründen einsitzen.

wie heisst doch gleich die Parole?Freiheit für ALLE Politischen Gefangenen  gerufen wird sie viel auf Demos,aber leider nur halbherzig praktiziert meine Solidarität gilt auch Gülaferit Ünsal

Für uns heißt Solidarität mit allen Gefangenen auch Solidarität mit kommunistischen Gefangenen

 

 

Theoretisch seh ich das genauso! In der Praxis gibts aber von den "Kommunist*innen" (ich setzte es in Anführungszeichen, weil sich auch viele Anarchist*innen in gewisserweise als kommunistisch sehen) leider genauswenig Solidarität für anarchistische Gefangene. Ich will damit sagen, es müssten sich dabei beide Seiten mal bewegen. Vor allem die "kommunistische". Bei mir in der Stadt/Region gibt es für von Repression betroffene "Kommunist*innen" immer auch Solidarität durch zumindest Teile der anarchistischen Bewegung (für sogar von allen, aber insbesondere ältere Anarch@s haben aus nachvollziehbarem Grund immer weniger Lust darauf), leider so gut wie nie andersherum.

Generelle Kritik am Knastsystem ist natürlich notwendig und zu befürworten!

Mit der Parole "Freiheit für alle Gegangenen!" hab ich so meine Probleme, denn das würde konsequenterweise auch triebhafte Sexualverbrecher und mordende Faschos einschließen (wenn man nicht gleich der Parole "Todesstrafe für Kinderschänder" folgen will). Der Artikel kommt so rüber als müsse man Mitleid mit allen Gefangenen haben. Sorry, hab ich nicht. Da find ichs besser für die Freiheit aller politischen und SOZIALEN Gegangenen zu sein.

 

Aber auch hier gibt es natürlich einen Unterschied. Natürlich bin ich für die Freiheit sozialer Gefangener. Ich erwarte allerdings von Anti-Repressionsstrukturen wie der Roten Hilfe, anderen Solidaritätsstrukturen oder auch sonstigen politischen Gruppen nicht sich da gleichermaßen einzusetzen. Aus der Perspektive der politischen Antirepressionsarbeit muss der Fokus natürlich auf den politischen Gefangenen liegen, was ja nicht gleichzeitig bedeuted das Knastsystem ansonsten zu dulden oder gar zu befürworten.

 

Dass man sich vorallem bei dem eigenen Spektrum nahestehenden Gefangenen engagiert kann ich keinemn verübeln, die Kapazitäten sind begrenzt, vorallem wenn man sich nicht auf die Anti-Rep-Arbeit beschränken will. Dennoch find ich das Fazit des Artikels sehr gut: Für ein solidarisches Zusammenstehen gegen die Repression, egal ob gegen KommunistInnen, AnarchistInnen oder sozialen Gegangenen. Der staatlichen Repressionsbehörden machen keinen Unterschied ob der weggesperrte "Linksextremist" nun Anarchist oder Kommunist ist, und dem Staat gegenüber sollten wir dies daher, zumindest was die Anti-Repressionsarbeit angeht, ebenfalls nicht tun.

Es ist leider richtig, dass es eine generelle knastkritik, die logischerweise einhergeht mit der ablehnung jeglicher sftaatsform, nur selten zu finden ist. Es ist leider auch so, dass es selbst innerhalb linksradikaler strukturen immer wieder verlautbarungen nach knaststrafen gibt, wenn es den gegner trifft. Dabei wird nicht weiter reflektiert, ob damit nicht den bestehenden verhältnissen zugearbeitet wird. Viele menschen aus linken zusammenhängen sind auch fix mal dabei ihre gegnerInnen anzeigen zu wollen, wenn die eigentlich erwartungsgemäss agieren.der roten hilfe muss man da schon zugestehen, dass sie das zumindest ablehnt. Rh gruppen funktionieren auch nicht alle gleich, es gibt durchaus die die knast generell ablehnen und das so auch thematisieren. Die rh gruppen die antiknastarbeit machen, machen die oft tatsächlich für alle und unterscheiden da nicht zwischen den den einzelnen sparten, mal abgesehen von nazis usw. Natürlich.